Die Rückkehr der Produktion in die Stadt – Im Gespräch

Im Gespräch: Dr. Ulrich Soénius, Geschäftsführer IHK Köln; Dr. Martin Schönheit, Geschäftsführer Schönheit+Partner; Jean Haeffs, Geschäftsführer VDI-Gesellschaft Produktion und Logistik; Host Behr, Vorsitzender VDI-Bezirksverein Köln

Sehen Sie Köln als attraktiven Standort für Produktionsbetriebe?

Behr: Die industrielle Vielfalt spricht für Köln. Hier gibt es exzellent ausgebildete Nachwuchskräfte, eine lebendige Gründerszene und einen guten Branchenmix.

Dr. Soénius:. Die städtische Infrastruktur, die Nähe zu Kunden, Forschungseinrichtungen und der Kreativszene bieten einen Wettbewerbsvorteil und sind Nährboden für Innovationen. Dennoch besteht Potenzial, die Rahmenbedingungen zu verbessern und den Standort „Stadt“ schmackhafter zu machen.

Haeffs: Wenn man sich die Probleme ansieht, die in den Ballungsräumen medial gehen, dann kann man erkennen, dass die Akzeptanz innerhalb der Bevölkerung nicht wirklich ausgeprägt ist. Über Umfragen ist uns das bestätigt worden. Insofern ist die Attraktivität eher mittelmäßig. Dem wollen wir entgegenwirken.

Dr. Schönheit: 200 Unternehmen und IHK Köln fördern in der Industrieakzeptanz-Initiative die Bürger-Kommunikation. Als Fabrikplaner hat Dr. Schönheit und Partner von Anfang die Vorteile von Fabrik in der Stadt aufgezeigt. Wir wünschen uns, dass Stadt und Medien, die Attraktivität des städtischen Umfelds für eine saubere Industrie mehr unterstützen.

Welche Handlungsperspektiven sehen Sie für Hersteller, die einen Produktionsstandort in Städten halten oder ausbauen wollen?

Dr. Soénius: Unternehmen gehen sparsam mit Fläche um. Häufig wird die Idee ins Spiel gebracht, dass Unternehmen ihre Flächen „stapeln“ sollen. Das suggeriert eine einfache Lösung. Das Agieren auf unterschiedlichen Stockwerken ist im industriellen Bereich nur im Ausnahmefall möglich.

Haeffs: Es muss dafür gesorgt werden, dass Industrie und Mischflächen nicht quasi reflexartig zu Wohnflächen ausgewiesen werden.

Dr. Schönheit: Ich wünsche mir einen Masterplan bei den Verantwortlichen der Stadt. In Köln sind zahlreiche Markt- und Weltmarktführer ansässig, die gerne weiterhin hier produzieren oder gar expandieren wollen. Die Start-Up-Betriebe e-GO oder Streetscooter, die sich auf die Herstellung von Elektrofahrzeugen spezialisiert haben, sind erste Erfolgsmodelle, die aus dem RWTH Aachen Campus hervorgegangen sind. Das könnten wir in Köln auch hinbekommen.

Über die Jahrzehnte wurde eine Entmischung der Lebensbereiche Wohnen und Arbeiten öffentlich unterstützt. Wer in Köln Produktion aufbauen will, befindet sich in einem Umfeld, in dem immer mehr gewohnt wird…

Behr: Die Entmischung war im Nachhinein ein Fehler, weil sie lange Wege bedeutet. Das lähmt die Entwicklung von Großstädten und belastet Lebensqualität und Gesundheit. Wir müssen Autos mehr und mehr aus den Metropolen heraushalten. Mitarbeiter sollten auch nicht-motorisiert zum Standort gelangen, die Emissionen im engen Rahmen bleiben und Industriebauten nachhaltig geplant und gebaut werden – mit günstiger Ökobilanz und langem Lebenszyklus.

Haeffs: Es sind immer dieselben Themen, die zu Problemen mit der Nachbarschaft führen: Lärm, Gerüche, Verkehr, Sichtbarkeit. Lärm ist insbesondere nachts ein großes Thema. Den kann man durchaus auf verträgliche Dosen reduzieren. Dazu gehört aber auch, dass ich in der Außenwirkung auf mein Umfeld zugehen und meine Verfahren vorführen und erklären muss; da passiert auf jeden Fall zu wenig.

Dr. Soénius: Hersteller, die flexibel und mobil sind, die ihre Prozesse und Maschinen vernetzen und in kleinen Skalen denken, können einen Standortvorteil gegenüber Betrieben mit einem großen Flächenbedarf genießen. Der verfügbare Platz muss optimal genutzt werden, frei nach dem Motto: Schlank anstatt expansiv.

Dr. Schönheit: Industrie muss nicht gleich Lärm und Schmutz sein. Die Betriebe sollten darauf achten, dass öffentliche Verkehrsanbindung, Parkplätze und Elektroladestationen angeboten werden. Mit Blick auf die Architektur sollten sich die Betriebe äußerlich harmonisch ins Stadtbild eingliedern und innerlich modern gestaltete Arbeitsplätze bieten.

Welche Formen der industriellen Produktion eignen sich besonders für einen Standort innerhalb von verdichteten Räumen?

Behr: Die Industrie 4.0 zeigt uns, dass Einheiten mit niedriger Stückzahl und hoher Spezialisierung im Vorteil sind. Forschungs- und personalintensive Produktionsverfahren mit geringer Belastung der Umwelt und hoher Wertschöpfung werden ihren Platz in den Metropolen halten oder ausbauen können.

Dr. Soénius: Vor allem kleinere Betriebe, die komplexe Abläufe vereinfachen, eignen sich. Denkbar wären Minifabriken, urbane Manufakturen, darunter kleine Tech-Betriebe, die Losgröße 1 herstellen, oder Handwerksbetriebe. Ersatzteilproduktion, Prototypenherstellung, Verpackungen, 3D-Druck, Medizintechnik, Lebensmittel (Mini-Brauereien) – all dies ist möglich.

Dr. Schönheit: Industrielle Produktion mit Reinraumbedingungen, kleinere Montage- und Forschungseinrichtungen, Start-Up-Betriebe, die die städtische Nähe für Mitarbeiter und die Hochschulen für Spin-Offs benötigen, Industrie für medizinische und für kleinere Haushaltsgeräte. Ich sehe außerdem gute Chancen für die industrielle Produktion von tragbaren Produkten, digitales Drucken, 3D-Druck und Elektronik.

Welche Rolle spielt Nachhaltigkeit bei der Planung von Industriebauten in der Stadt?

Dr. Soénius: Nachhaltiges Wirtschaften ist DAS Thema momentan – egal, ob im großen Fabrikbetrieb oder in der kleinen städtischen Produktion. Digitale und intelligente Systeme können Abläufe und Produktionsprozesse effizienter gestalten und so Energie und Ressourcen einsparen.  

Behr: Die Gebäudetechnik steht vor großen Veränderungen: Bauten werden in Zukunft autark, klimaneutral, schadstofffrei und auf lange Nutzung geplant sein. Heute gibt es große Entsorgungsprobleme bei Baustoffen, die Recyclingquote liegt nahe Null und Umnutzungen werden zu selten in Betracht gezogen. Eine gute Ökobilanz wird zunehmend auch für Industriebauten gefordert. Deshalb ist Zirkuläre Wertschöpfung auch ein Fokusthema des VDI für die nächsten Jahre.

Haeffs: Nachhaltigkeit muss sich wiederspiegeln im Urban Mining: mit Wärme- und Kälteversorgung in der Nachbarschaft, auch für Privathaushalte. Gleiches gilt für die Versorgung von Strom, Abfallentsorgung usw.

Was ist Ihre persönliche Vision von der Stadt als Produktionsstandort in zehn Jahren?

Dr. Soénius: Die urbane Produktion in einer Stadt wie Köln stelle ich mir vernetzt, nachhaltig und beteiligungsfreundlich vor. Baulücken würden endlich genutzt, sei es für Minifabriken, Wohnen, Kultur oder noch besser: einer Kombination aus allem. Was jetzt schon beginnt, nämlich die Umgestaltung von Hafen- oder Fabrikarealen zu attraktiven Wohn-‚ Arbeits- und Produktionsquartieren, wird in zehn Jahren Standard sein.

Dr. Schönheit: Menschen wollen mehr „Grün“ erleben. Meine Vision von der Stadt als Produktionsstandort fasse ich mit den drei Worten zusammen: LEAN, GREEN, CLEAN. LEAN unterstützt dabei, das Leben und die Arbeit zu vereinfachen. Jeder wählt seine Arbeitsumgebung, je nachdem ob er sich gerade konzentrieren muss oder ob er kommunizieren möchte. Ein Beitrag für GREEN ist beispielsweise, Fahrradwege und Hundeausführen durch gesicherte Wege in einem Fabrikgelände zu ermöglichen. Fassadenbegrünung und dezentrale Energiekonzepte können das Umfeld aufwerten. CLEAN: Ich halte Hygiene, Ernährung, Gesundheit für Wohlstandstreiber. Innovative Produkte können unter Reinraumbedingungen im städtischen industriellen Raum produziert werden.

Haeffs: Vernetzte Standorte sind in der Nachbarschaft eingebunden, die Nachbarn sind Nutznießer der Standorte in vielfältiger Weise. Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten werden im Verbund betrieben, gleiches gilt für Kinderbetreuung und Schulen. Die Teilnehmer einer Supply-Chain sind im nahen Umfeld unterwegs, unterstützen sich bei F+E, greifen auf die lokalen Universitäten zurück. Die Städte unterstützen bei Umbau- und Erweiterungsplänen mit Konzepten zur Verkehrsanbindung für Waren, Material und Personal.

Behr: Wenn wir eine Stadt so groß denken, wie sie in zehn Jahren wirklich ist, gelingt uns der Wandel schon heute. Es fehlt an Wohnraum, Schulen, Kitas, Grünflächen, kurz: an Platz, also muss aus der Stadt verschwinden, was unproduktiv Fläche beansprucht. Die brauchen wir nämlich zum Leben und Arbeiten. Ich stelle mir vor, dass emissionsarme Produktionsstandorte mit Wohnen kombiniert werden. Neue Flächen – und die brauchen wir – werden klimaneutral geplant, genutzt und angebunden. Der Verkehr wird an der Metropolengrenze abgefangen, emissionsarm und intelligent durch die Stadt verteilt.

Zurück