Ökobilanz für Gebäude – Ein Startup, das mit einer Masterarbeit begann

Sebastian Theißen, Jannick Höper und Jan Drzymalla haben eine Vision: Gebäude weisen eine digitale, nachvollziehbare und transparente Ökobilanz über alle Lebensphasen auf und ermöglichen so nachhaltigen Materialeinsatz und 100 Prozent Wiederverwertbarkeit bei zugleich besserer Lebensqualität für die Nutzer. Das hört sich trocken an? Vielleicht wird es plastischer, wenn man sich die bestehenden Zustände ansieht: In Deutschland halten sich Menschen bis zu 90 % Ihrer Lebenszeit in Gebäuden auf. Diese enthalten viele verschiedene, oft versteckte Schadstoffe. Beim Abriss ist selbst die Wiederverwendung von Schutt noch die Ausnahme. Und keiner kann nachprüfbar sagen, wie umweltfreundlich man Gebäude wirklich bauen kann. Dabei wäre das dringend nötig – Häuser halten 80 oder 100 Jahre, meist noch länger.

 

Der VDI Köln fördert Start-Ups aus dem Umfeld der technischen Studiengänge mit organisatorischer Hilfe und Kontakten in die Wirtschaft. Theißen, Höper und Drzymalla haben ihre Abschlussarbeiten am Institut für Technische Gebäudeausrüstung der TH Köln vorgelegt und damit unter anderem den zweiten Platz beim Albert-Tichelmann-Preis belegt, der vom VDI mitgetragen wird. Im November war Sebastian Theißen außerdem mit dem für Unternehmungsgründungen zuständigen Vorstandsmitglied Paul E. Krug auf der Gründerwoche in Gummersbach unterwegs. Im Interview erklären die drei Gründer ihre Idee und ihre ersten Schritte in Richtung Markteinführung.

„Es begann mit unseren Masterarbeiten“, berichtet Theißen, „meine zum Beispiel hatte eine Software zum Thema, mit der die Ökobilanz für ein Gebäude erstellt werden kann. Sie kam auch konkret zur Anwendung – in einer größeren, komplex geplanten Neubau-Immobilie in Frankfurt. Ich dachte mir: Warum soll man die nicht weiter nutzen?“ Die derzeitigen Software-Tools am Markt seien wenig überzeugend: „Gibt man die Daten für ein Gebäude in fünf Programme ein, erhält man fünf sehr verschiedene Ergebnisse, weil keiner den Algorithmus transparent darlegt oder zugänglich macht. Die Programme sind eine Black Box.“

Also machten sich die drei Absolventen an die Arbeit. „Wichtig ist die Vergleichbarkeit der Parameter“, erläutert Höper. „Weil wir bereits auf Datensatzebene ökologische Vergleiche ermöglichen, kann man schon in sehr frühen Planungsphasen – ganz ohne projektspezifische Werte – Aussagen über den Einfluss auf das große Ganze abschätzen und verstehen. Jede Dämmstoffmatte, jeder Sack Zement kann ökologisch bewertet werden. Unser Ziel ist es, diese ganzen Daten mitsamt innovativen Funktionen innerhalb der digitalen und ganzheitlichen Planung auf einer Online-Plattform zur Nutzung anzubieten.“ Die Plattform gebe es bereits, mit ihr könne man schon Ökobilanzen erstellen. „Der Clou: Die Codes sind offen, die Berechnungen einsehbar.“ Noch nutzen die drei sie intern, aber das soll sich bald ändern.

Architekten, Fachplaner, Nachhaltigkeitsberater, sogar Handwerker oder Privatleute – die Zielgruppen sind leicht zu identifizieren. „Jeder, der nachhaltig bauen will oder muss, kann sich mithilfe dieser IT-Lösung orientieren“, so Theißen, „starten werden wir mit der Vermarktung bei den Ingenieuren und Entscheidungsträgern in Praxis, Lehre und Forschung, aber wir wollen später – zum Beispiel per App – auch privaten Bauherren helfen, nachhaltig zu planen.“ Höper ergänzt: „Auch für bestehende Gebäude wird die Entscheidung – etwa über Abriss oder Sanierung – klarer. Die bisherige Kostenschätzung war meist statisch, sie wurde zu Baubeginn gestellt. Wir dynamisieren die Entscheidung über den ganzen Lebenszyklus hinweg: mit der Berücksichtigung von Kapitalkosten, Energiekosten, Wartung, Austausch von Anlagen und vielen weiteren Kennzahlen.“

Dabei hört die Bestandsaufnahme nicht bei der Gebäudehülle auf, sondern nimmt auch die Nutzung mit ins Visier. „Es werden sich in den nächsten Jahren viele Kriterien ändern, zum Beispiel im Zuge der Umwelt- und Klimaschutzziele“, erläutert Jan Drzymalla. „Der Neubau macht derzeit nur ein Prozent des gesamten Gebäudebestandes aus, deshalb wollen wir auch für Umbau und Umnutzung nachvollziehbare Entscheidungsgrundlagen liefern. Dabei soll auch der Leitgedanke der zirkulären Wertschöpfung bzw. Cradle to Cradle aufgegriffen und integriert werden. Auch Drzymalla führte seine Abschlussarbeit in das Projekt ein: Er untersuchte die Luftqualität in Gebäuden in Bezug auf Feinstaub, um u.a. die Auswirkungen auf Gesundheit und Komfort der Nutzer aufzuzeigen. „In einem digitalisierten Prozess entsteht nach unserem Konzept ein 3D-Gebäudemodell mit komplettem Informationsmanagement.“ Ein Anfang sei mit elektronischen Katastern (Building Information Modeling, kurz BIM) bereits deutschlandweit gemacht.

Dem Trio stehen zwei Informatiker im Gründungsteam zur Seite, die die Informationen verknüpfen, so dass die relevanten Dienstleistungen sinnvoll abgebildet werden können – Gebäude planen, vergleichen, zertifizieren und bewerten. Dafür werden verschiedene bestehende Datenbanken angebunden: Die ÖKOBAUDAT des BMI, die IBU.data des Instituts für Bauen und Umwelt sowie die Nutzungsdauern des Bewertungssystem für Nachhaltiges Bauen (BNB) bzw. VDI 2067. „Im Ergebnis wollen wir Entscheidungsgrundlagen schaffen: in der Kostenabschätzung, der Energie- und Ökobilanzierung, der gesundheitlichen Beurteilung und der Wiederverwendung bzw. Recyclingfähigkeit. Zugleich soll damit die Wohnqualität steigen“, fasst Theißen zusammen. „Unser Ziel ist, zu einer Veränderung der Planungs- und Konzeptionsweisen von Gebäuden und Bauprodukten beizutragen. Wir wollen das Bewusstsein von Bauherren und Gebäudenutzern für mehr Transparenz in puncto Umweltwirkungen, Schadstoffbetrachtung und Klimawandel wecken.“

„Wir können zum Beispiel verständliche Umrechnungen liefern und eine kommunikative Aufbereitung erleichtern“, erläutert Höper, „denn es gibt für alle getroffenen baulichen Entscheidungen immer eine zweite, ökologische Bewertungsebene.“ 2019 möchten die drei Absolventen eine erste Beta-Version ihres Programms fertigstellen. Das Konzept kommt in der Fachwelt gut an: So hat die Abschlussarbeit von Sebastian Theißen den zweiten Platz bei der diesjährigen Vergabe des Albert-Tichelmann-Preises geholt. Auch beim Tag der TGA im Juni stand sie auf dem Treppchen der drei besten Masterarbeiten. Die Geschäftsidee wiederum wurde beim Hochschulgründernetz Cologne mit einem Sonderpreis für soziale Innovation und Nachhaltigkeit bedacht.

„Uns freut die Anerkennung, die uns entgegengebracht wird“, sagt Drzymalla, „das ist für uns ein Ansporn, die Markteinführung anzusteuern.“ Hier steht noch einiges an: Ein griffiger Name für Firma und Produkt, ein Business Case – und viele, viele Stunden Entwicklungsarbeit. Derzeit sind die drei Absolventen im Gründerzentrum der TH Köln untergebracht. Ihre Lebenshaltungskosten decken die drei Start-Up-Gründer derzeit über wissenschaftliche Stellen. „Noch brauchen wir kein Venture-Kapital“, lacht Theißen, „wir haben die wichtigsten Posten ja alle beisammen: fünf Köpfe und fünf Rechner.“

 

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