Der Hafen, die Werft und das Schiff

Das Netzwerk Technikgeschichte ist eines der aktivsten im Kölner Bezirksverein. Vor allem sein Sprecher Manfred Kreische ist unermüdlich im Einsatz und führt regelmäßig durch die Kölner Orte mit industrieller Tradition – und davon gibt es besonders im rechtsrheinischen Teil viele. Eines der größten städtebaulichen Entwicklungsgebiete liegt genau hier: Auf dem alten Gelände der Gasmotorenfabrik Deutz, wie die Deutz AG in ihren Ursprüngen hieß – und wo der Ottomotor erfunden wurde. Direkt davor: der Mülheimer Hafen, ein Industrie- und Verkehrsstandort mit überregionaler Bedeutung. Denn hier liegt die Kölner Schiffswerft Deutz, die einzige marine Werkstatt zwischen Ruhr und Main. Ihr Lieblingsobjekt derzeit: Die "MS Stadt Köln", auf dem Adenauer ausgesuchte Staatsgäste den Rhein hinauffahren ließ und das bis 2021 komplett restauriert werden soll.

Viel fällt Unbeteiligten zum Mülheimer Hafen nicht ein. Klar, die Kelly Family lag hier vor Anker und direkt daneben wurden einmal die "Anrheiner" gedreht. Dass er ein höchst dynamischer Ort ist, erschließt sich den Besuchern erst, wenn sie ein wenig weiter hineinkommen als sie normalerweise dürfen. Denn schon nach kurzem Weg durch ein herrlich improvisiert wirkendes kleines Kreativviertel mit Clubgeschehen am Rande des Hafens winkt Kreische die Besucher direkt ins Gelände hinein. Vor einem (gegen Hochwasser) aufgeständerten Bürocontainer warten schon Hans-Klaus Sander, seit 30 Jahren Geschäftsführer der Schiffswerft, und Udo Giesen, Vorsitzender des Fördervereins des Historischen Ratsschiffs MS Stadt Köln. Und was sie zu erzählen haben, wirft ein anderes Licht auf den Hafen.

Denn was nur wenige wissen: Auf der Kölner Schiffswerft Deutz (KSD) werden alle Schiffe repariert, die – mit welchem Schaden auch immer – einlaufen: Frachter, Tanker, Container- und Passagierschiffe. 35 Mitarbeiter gehören zur ständigen Belegschaft, doppelt so viele Spezialisten aus allen möglichen Gewerken können kurzfristig hinzugerufen werden. Hier werden Motorschäden behoben, Lecks ausgebessert, Leitungen oder Elektronik repariert, hier wird geschweißt, gehämmert und gesägt. Eine besondere Spezialität ist die Propellerreparatur.

Im Westbecken des Mülheimer Hafens befindet sich der Bauhof und die Wasserflächen des Wasser- und Schifffahrtsamtes sowie die Tankerliegeplätze, an denen Gefahrgutschiffe anlegen können, um Wartezeiten zu überbrücken und den Besatzungen die Möglichkeit zu geben, an Land zu gehen oder ihr Fahrzeug an oder von Bord zu kranen.

Seit 120 Jahren ist die Werft schon in Betrieb. Neben Kränen, Pontons, Werkstätten und einem Werkstattschiff samt Drehkran gibt es dort eine beeindruckende Hellinganlage zu bestaunen, auf der bis zu 110 Meter lange Schiffe auf 14 Wagen an Land genommen werden können. Derzeit ist diese Anlage vor allem von einem prominenten Gast belegt: der MS Stadt Köln. Das schnittige und für seine Zeit hoch moderne Personenschiff wurde 1938 für die geplante Verkehrsausstellung in Köln gebaut, die nie stattfand. Während des Kriegs in St. Goar versteckt, begann für das unzerstörte Schiff anschließend eine glanzvolle Zeit. Zuerst diente es den amerikanischen Truppen zu Repräsentationszwecken, dann der jungen Bundesrepublik: Konrad Adenauer schipperte Staatsgäste gerne durch das romantische Mittelrheintal an Burgen, Felsen und Weinbergen vorbei.

Die Ausstattung ist in allen Details noch erhalten: Schiffsglocke, Ruderhaus mit Steuerbord, gebogene Panoramafenster, das edle Interieur der Salons und die kleine Präsidentensuite mit Dusche und Originalmöbeln. Der Teppich wurde Anfang der Fünfziger extra für die M/S Stadt Köln hergestellt und ist mit dem Wappen der Stadt bedruckt. Allerdings hat vieles in den letzten Jahren gelitten, als das Schiff im Niehler Industriehafen lag. Die Außenhaut litt an Lochfraß und Undichtigkeiten ließen Wasser eindringen. Boden und Außenhaut bis zur Wasserlinie müssen komplett erneuert werden, aber die Spanten sind zu einem großen Teil noch zu retten, durch sie fällt derzeit Tageslicht in den Motorenraum. Die Altbleche liegen nun in einem Container – historischer Stahl, an dem man revolutionär flache Nieten erkennen kann: Das Schiff war das schnellste seiner Zeit auf dem Rhein und alle Details darauf optimiert. Statt das Blech zu entsorgen, werde es wohl Unterstützern in unterschiedlich kleinen, künstlerisch aufgewerteten Partien zum Kauf angeboten, schildert Giesen die derzeitigen Überlegungen.

Es ist kein Zufall, dass die KSD den Reparaturauftrag erhalten hat. Sie gewann eine internationale Ausschreibung, und zwar aufgrund ihrer vielseitigen Instandsetzungskompetenz. Hier ist einfach alles gefordert, was an einem Schiff zu machen sein kann. Das Innenleben kommt erst in einer zweiten Tranche dran, die wieder neu ausgeschrieben wird. Die Gelder kamen schnell zusammen: Allein der Förderverein organisierte über Spenden 700.000 Euro, Zuschüsse vom Land, der Denkmalschutzbehörde und dem eigentlichen Besitzer, nämlich der Stadt Köln, erhöhten den Betrag noch einmal auf das Doppelte. Die Verantwortlichen im Liegenschaftsamt, zuerst irritiert darüber, ausgerechnet ein Schiff besitzen und unterhalten zu müssen, liebten das Objekt mittlerweile, berichten Giesen und Sander. Auch die Zusammenarbeit mit dem Denkmalschutz sei vorbildlich.

Sorgen macht sich die Werft nicht wegen mangelnder Aufträge, im Gegenteil. Sie ist ein wirtschaftlich arbeitender Betrieb mit präziser Ausrichtung auf die Instandsetzung von Schiffen. Gefahr droht eher von Land, genauer gesagt aus dem riesigen Projektgebiet "Cologneo". Bis unmittelbar an die Hafenbecken soll Wohnbebauung mit Rheinblick entstehen, bis zu 27 Etagen hoch sind einzelne Häuser geplant. Sander ahnt bereits den Konflikt mit neuen Bewohnern, die lebendige Industrie wohl vor allem als unerwünschte Lärmquelle betrachteten. Ob die Bebauung allerdings so realisiert wird wie geplant, ist ebenfalls nicht sicher. Denn rund um die Liegeplätze im Mülheimer Hafen gelten großzügige Mindestabstandsbereiche aufgrund des Gefahrguts, das auf Tank- und Güterschiffen transportiert wird. Und die Stadt Köln kann hier nichts tun, denn der Mülheimer Hafen ist der einzige in Köln, der nicht der Stadt, sondern dem Bund gehört. Er ist von großer Bedeutung für die Rheinschifffahrt und auch die Werft erfüllt eine wichtige Rolle für deren Sicherung und reibungslosen Ablauf.

"Das ist eines der vielen Beispiele, wie der Erhalt von wichtigen und wettbewerbsfähigen Standorten für die Industrie immer mehr in Frage gestellt wird, weil er unnötig mit dem Wohnen in Konflikt gerät", bilanziert Kreische. "Das sind Arbeitsplätze, die nicht einfach wegfallen dürfen. Wir reden doch nicht umsonst darüber, dass die Produktion den Weg zurück in die Stadt findet, somit Pendelwege verkürzt und eine gesunde Mischung aus Leben und Arbeiten möglich macht. Gerade jetzt Industrie zu verdrängen, wäre eine widersinnige Entwicklung." Wobei der Mülheimer Hafen ja schon Erfahrungen mit Privatleuten als Bewohner hat: Die Kelly Family, so erzählt Sander, kam ursprünglich wegen eines Schadens am Schiff in den Hafen und fragte sogar nach einem Liegeplatz mit Domblick. Die damalige Reparaturrechnung von 34.000 D-Mark bezahlten sie komplett mit Kleingeld, das sie in Eimern, Körben und Kisten heranschafften. "Das waren Zeiten", lacht Sander.

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