Der Vorstand des VDI-Bezirks Köln. Folge 6: Prof. Dr.-Ing. Rainer Herpers

„Lernen und Anwenden ist eins“

Seit 19 Jahren ist Prof. Dr.-Ing. Rainer Herpers Hochschullehrer an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg – und zwar nicht für Ingenieurwissenschaften, sondern im Fachbereich Informatik. Das ist für ihn kein Widerspruch, sondern eine anwendungsbezogene Denkweise. Das von ihm geleitete Institut für Visual Computing beschäftigt sich mit Visualisierungen aller Art und Simulationen – vom Hacken von Sicherheitssystemen bis zum Retten von Leben.

„Ich fühle mich durchaus als Ingenieur“, sagt Herpers, „wobei die Spannweite in der Informatik noch weiter geht. Das Schöne an der Informatik ist, dass sie immer direkt auf den Menschen bezogen ist. Erst wenn der Mensch eine Entwicklung annehmen und erfassen kann, ist diese auch gut. Ich muss meine Entwicklungen also immer auf menschliches Verhalten herunterbrechen und möglichst auf verschiedenen Kanälen darstellen.“

Experimente werden Abenteuer

Deshalb nehmen die Experimente, die er mit seinen Studierenden und Mitarbeitern an der Hochschule unternimmt, bisweilen ungewöhnliche Formen an. Simulationen geschehen unter Wasser, in einer Zentrifuge oder in der Schwerelosigkeit eines Parabelflugs. Das begeistert die Studenten. Auch als er Freiwillige suchte, um ein Sicherheits- bzw. Identifikationssystem im Online-Banking oder bei Mobilfunkverträgen zu hintergehen, flogen die Hände nach oben. „Es ist bisweilen kaum zu glauben, was uns als sicher verkauft wird“, berichtet er und lächelt beim Gedanken an das Experiment, „eine Identifikation per Videochat zum Beispiel: Wir haben es geschafft, mit relativ einfachen Mitteln eine Fake-Identität als Elvis Presley aufzubauen. Wir hatten damit erfolgreich nachweisen können, dass die Sicherheitsüberprüfung der Systeme bei Banken wie Telefonanbietern hintergangen werden kann. Und das in Zeiten von Anti-Terrorismus-Gesetzen!“

Der praktische Nutzen von Entwicklungen ist Herpers wichtig. So entwickelte er den FIVIS- Fahrradsimulator, mithilfe dessen Verkehrsteilnehmer schwierige Situationen nachstellen und ihre eigenen Reaktionen nachvollziehen können. Für Rettungssanitäter, seit kurzem ein Ausbildungsberuf, entwickelt sein Institut derzeit das Simulationsspiel epicsave, so dass Auszubildende kooperative Methoden bei Notfällen lernen. Hierfür werden auch VR-Brillen eingesetzt. „Ich will wissen, was Technik leisten kann und welchen Nutzen sie bringt“, sagt der Vater von vier Kindern, „und möchte den Ingenieurnachwuchs ermuntern, die damit verbundenen Fragen kritisch zu hinterfragen.“ Praxisnähe und Kommunikation seien dabei unverzichtbar. „Der Reifen muss auf die Straße“, sagt Herpers. „Lernen und Anwenden sollte untrennbar miteinander verbunden sein. Die Angelsachsen sagen dazu gerne: ‚Get your hands dirty!‘“

Das ist auch sein Fokus bei der Arbeit im VDI-Vorstand. Er möchte jungen Menschen Perspektiven aufzeigen – in den Ingenieursberufen, aber auch in den verwandten technisch geprägten Disziplinen wie eben der Informatik. Deshalb setzt er auf interdisziplinäre Zusammenarbeit. Themen wie Digitalisierung, Automatisierung und Industrie 4.0 seien klassische Felder, in denen Ingenieure und Informatiker an einem Strang ziehen müssten.

Und ein ganz konkretes Anliegen hat Herpers auch: „Ich sehe an den Hochschulen immer wieder, was wir für begabte Ingenieure und Wissenschaftler in unserem Bezirksgebiet haben – in Bonn, in Köln, in Bergisch Gladbach und den Campus im Umland. Die leisten hervorragende Forschungsarbeit. Ich setze mich mit Leidenschaft dafür ein, dass sie auch an diesen Hochschulen promovieren können“. Bislang ist dies in NRW nur den Universitäten gestattet, angehende Doktoren müssen ansonsten zum Beispiel nach Aachen oder Wuppertal wechseln. „Andere Bundesländer haben längst die Regeln liberalisiert“, so Herpers, „das muss doch auch in NRW zu schaffen sein.“

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