Themen setzen und Appelle starten – neue Ideen für die Facharbeit

Fachnetzwerke – so heißen die Arbeitskreise seit diesem Jahr. Sie sind die eigentlichen Denkfabriken des VDI. Veranstaltungen, Symposien, Exkursionen und Positionspapiere technischer Art entstehen hier und bisweilen auch ein bundesweiter Branchentreff oder eine offizielle technische Richtlinie. Dr. Hans Detlef Altmeyer hat die Koordination der Fachnetzwerke im März übernommen, seit einigen Monaten unterstützt ihn dabei Prof. Dr. Anja Richert, die auch als Beirat des Vorstands aktiv ist. Im Gespräch schildern beide, was sie motiviert und wie sie die Facharbeit stärken wollen.

 

Herr Altmeyer, Frau Richert, wie weit ist die Organisation der Fachnetzwerke gekommen?

Altmeyer: Wir haben für die meisten fachlichen Bereiche nun Sprecher gefunden, in der Regel auch Vertreter der Sprecher. Allerdings suchen wir noch intensiv nach Mitgliedern, die sich in den einzelnen Fachrichtungen engagieren wollen. Davon haben wir immerhin 55.

Richert: Unsere Idealvorstellung ist, dass in jedem Fachnetzwerk Vertreter aus Unternehmen und der wissenschaftlichen Forschung vertreten sind – und außerdem Studierende. In so einer Konstellation haben wir beste Voraussetzung für einen wirklichen fachlichen Austausch.

Altmeyer: Die größte Herausforderung ist die dauerhafte Motivation dabeizubleiben. Manche stellen nach einer Phase der Neugier ihre Mitarbeit wieder ein.

Was hat man denn von einer Mitarbeit in den Fachnetzwerken?

Altmeyer: Fragt man sich das als VDI-Mitglied ernsthaft? Wir Ingenieure leben doch davon, dass wir fachlich voneinander lernen! Ohne Austausch treten wir auf der Stelle. Wir sehen bereits, wie wir in Deutschland den Anschluss an viele technische Entwicklungen zu verlieren drohen – das liegt auch an sehr modernen Forschungsansätzen in anderen Ländern. Wer sich in seinem Fach einigelt, verbessert nichts daran.

Richert: Deswegen wollen wir vor allem auch die Querverbindungen stärken und gemeinsam an Aufgaben arbeiten, die die Gesellschaft uns stellt. Fortschritt erreichen wir heute nur noch, wenn wir interdisziplinär denken und den Kopf vom Schreibtisch heben.

 

Prof. Dr. Anja Richert

 

Frau Richert, Sie sind Professorin am Institut für Produktentwicklung und Konstruktionstechnik der TH Köln. Wie sehen Sie aus ihrer wissenschaftlichen Perspektive die Facharbeit von Ingenieuren?

Richert: Ich beschäftige mich mit Forschungsfragen, die an der Schnittstelle von Ingenieurswesen, Informatik und Kommunikationswissenschaft angesiedelt sind. In der Sozialen Robotik, in digitalen Lern- und Arbeitswelten und bei datengetriebenen Innovationsprozessen kann der eine nicht ohne den anderen. Die Ingenieure haben die wichtige Rolle, Produkte praktisch anwendbar zu machen. Für diese immer komplexer werdende Aufgabe ist aber sowohl die interdisziplinäre Zusammenarbeit als auch die Perspektive des Kunden verstehen zu können essentiell.

 

Dr. Hans Detlef Altmeyer

 

Herr Altmeyer, Sie haben im März angekündigt, Fachnetzwerke auch organisatorisch zu unterstützen, etwa bei geplanten Veranstaltungen. Wie ist Ihre bisherige Bilanz?

Altmeyer: Es könnte mehr kommen, ich bin noch nicht voll ausgelastet (lacht). Manchmal braucht es Zeit, bis ein Angebot angenommen wird. Ich kann helfen und ich kann rufen. Das Rufen klappt schon besser, weil ich über das Mail-System zu bestimmten Themen Mitglieder und Fachgruppen aktiv ansprechen kann. Jetzt müssen wir Verknüpfungen schaffen und dafür brauchen wir natürlich, dass der Ruf nicht nur gehört, sondern auch häufiger befolgt wird. So ist der VDI etwa Mitglied im Gesundheitsverband. Das Fachnetzwerk Medizintechnik kann sich mit unserem neuen Kooperationspartner DLR direkt kurzschließen. Wir wollen die Fachnetzwerke ja nicht berieseln, sondern zu einem aktiven Austausch bewegen. Ob ich in einem Verein gut aufgehoben bin, erfahre ich letztlich nur, wenn ich die Qualität des Austauschs erfahre.

Wie sehen Sie Ihre Herausforderungen im nächsten Jahr?

Richert: Zwei Dinge sind mir wichtig. Erstens: Wir brauchen mehr Change! In Aachen habe ich unter anderem Forschungsprojekte zum Thema Netzwerke betrieben. Netzwerke funktionieren aus meiner Sicht dann gut, wenn die Ziele von allen getragen werden und Lösungen für die Zukunft darstellen. Zweitens: Wir brauchen fachliche Expertise! Wenn Experten sich gegenseitig ergänzen, dann ist der halbe Weg gemacht. Auch Nicht-Techniker können sehr wichtige Partner für Ingenieure sein, denn es kommt auf die Vielfalt der Sichtweisen an.

Altmeyer: Das erfordert bisweilen auch aktive Themensetzung. Das wollen wir stärker tun als bisher. Ein neues Thema aus den Fachnetzwerken heraus zu setzen und aufzubauen ist viel Aufwand, auch organisatorisch. Aktiv Berufstätige scheuen diesen Aufwand oft. Deshalb werden wir demnächst selbst Themen vorschlagen, zu denen sich Interessierte melden können.

Ist das motivierend?

Altmeyer: Es funktioniert ja bereits, etwa bei den Aufrufen zur Nacht der Technik. Wir haben eine Menge Themen, die auch vom VDI-Bundesverband oder vom Landesverband NRW verfolgt und fachlich konkret unterstützt werden, zum Beispiel die Zirkuläre Wertschöpfung, wo Mitte Oktober auch ein Impulsgespräch zu stattfindet. Aus den Fachnetzwerken erreichen uns Themen wie Telemedizin oder Zukunft des Powertrains. Kooperationspartner entwickeln viel und brauchen Fachleute für die Praxisanwendung. Wir können auch ausgewählte Bachelor-Themen an der FH mit unserer Expertise unterstützen. Im Oktober werden wir mit den Fachnetzwerken für eine Themenauswahl zusammenkommen.

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