Tag der TGA: Werden Gebäude bis 2050 klimaneutral?

Der fachliche Teil behandelte das Thema: „Gegenwart nutzen, Zukunft gestalten: Klimaneutraler Gebäudebestand bis 2050.“ Auf der Podiumsdiskussion waren sich die Experten überraschend einig: Ohne harte, gesetzliche Maßnahmen ist das Ziel nicht zu erreichen, denn der Gebäudebestand von 2050 wird jetzt errichtet. Dabei verfolgten die Teilnehmer unterschiedliche Ansätze. Institutsleiter Prof. Dr. Andreas Henne zeigte sich zufrieden mit der Entwicklung der Studienbelegung.

110 neue Studierende (statt der Sollbelegung von 80) nannte Henne eine zufriedenstellende, wenn auch nicht rekordverdächtige Zahl und verwies auf den wissenschaftlichen Wettbewerb in einem Fachgebiet, das sich derzeit stark wandelt. Mit dem neuen Studiengang des Masters Green Building Engineering stelle sich die TH Köln den neuen Herausforderungen. Insgesamt sei das abgelaufene Jahr in vielerlei Hinsicht das Beste der Institutsgeschichte: 64 Bachelorabschlüsse, 11 Masterabschlüsse, eine volle Belegung von 30 neuen Masterstudenten, ein dreistelliger Prozentbetrag an Steigerung von Drittmitteln für die Forschung und ein Frauenanteil von 25 Prozent stimmten positiv, so Henne. Neu seien auch sechs neue Mitglieder im Beirat, die überdies von einem neu eingeführten Praxisphasentag profitierten.

Neben den Absolventen wurde auch der langjährige Dekan und Inhaber des Lehrstuhls für Anlagen, Energie- und Maschinensysteme, Prof. Dr. Johannes Goeke, verabschiedet, der in den Ruhestand geht. Goeke wandte sich an die Absolventen mit einem Lob: Junge Menschen sagten Dinge, die die Alteingesessenen aufrüttelten. „Die Fridays for Future sind ein Diskussionsgeschenk! Man darf nicht zu bequem werden“, so Goeke.

TGA-Ingenieure haben Klimaziele als große Aufgabe

Hans-Joachim Kloth, Vorstand der ZWP Ingenieur-AG, hielt einen Kurzvortrag mit Schwerpunkt der Ingenieurspraxis. „Mit dem Ingenieurwissen von damals könnte man heute nicht mehr planen“, erklärte der Absolvent von 1986, „die einzige Konstante ist die Veränderung.“ Er appellierte an die Absolventen, immer auf eine gute fachliche Grundlage zu achten, denn das Lernen sei langfristig wichtiger als monetäre Anreize beim Berufseinstieg. „Wir Ingenieure sind eher im Hintergrund und sagen nicht so oft, was sie denken. Seien Sie stolz auf das, was Sie tun, und seien Sie kommunikativ!“ Es gebe Riesenaufgaben zu bewältigen, denn „40 Prozent der Gebäude warten auf eine CO2-Optimierung, das geht nur mit neuen Konzepten.“

In einem Video-Grußwort nahm auch Prof. Dr. Andreas Pinkwart, NRW-Wirtschaftsminister, Bezug auf die Klimaziele: „Die große Aufgabe ist es, Klimaziele zu erreichen und zugleich unseren hohen Lebensstandard zu halten. Dafür brauchen wir dezentrale, urbane Ansätze. Bringen Sie sich ein, denn Gebäude spielen eine wichtige Rolle für die Erreichung der Klimaziele!“

Kay Killmann vom Green Business Certification Institute lobte in seinem Keynote-Vortrag den neuen Master-Studiengang und betonte, dass es schon bald neue Lehrangebote gebe, von denen heute noch niemand etwas ahnen würde. Zu den Klimazielen berichtete er aus der Sicht eines Zertifizierungsinstituts: „Investoren wollen heute Nachhaltigkeit vergleichbar machen und suchen nach Kriterien. Schweden ist schon weiter als wir, hier werden 85 Prozent aller Green Bonds weltweit emittiert, während wir hier noch über den richtigen Weg streiten.“ Auch wenn die Bauindustrie sehr konservativ geprägt sei, würden liebgewonnene Grenzen bald verschwinden: „CO2 wird weltweit zu einer Währung werden. Das müssen wir in die Bauprozesse integrieren. Das Bauen muss sich weiterentwickeln, über die rein technischen Themen hinaus. Wir müssen den Menschen als Nutzer von Gebäuden in den Mittelpunkt stellen. Und da wird es schnell politisch.“ Sich der Politik zu stellen, sei oft nicht Sache der Ingenieure, aber trotzdem notwendiger denn je.

Strom ist die Zukunft

An der anschließenden Diskussion auf dem Podium nahmen neben Killmann und Kloth auch Prof. Dr. Michaela Lambertz, stellvertretende Institutsleiterin TGA, die Absolventin Kathleen Colgen und Dr. Markus Ewert von der Nesseler Plan GmbH teil. Auch Ewert stellte Schweden als Vorbild in Sachen Zukunftsausrichtung vor: „Das Land emittiert pro Kilowattstunde Strom nur noch 25 Gramm CO₂. In Deutschland sind es 400 Gramm, und das bei einem Anteil der erneuerbaren Energien von 44 Prozent!“ Die Zukunft liege klar beim Strom, bei fossilen Brennstoffen seien keine wirklichen Optimierungen mehr möglich. „Wir müssen strombasierte Techniken für Gebäude nutzen“, so Ewert.

Lambertz gab einen Überblick über den Gebäudebestand in Deutschland: „Wir haben hier 18 Millionen Wohngebäude und etwa 3 Millionen Nicht-Wohngebäude. Die Wohngebäude sind für zwei Drittel des Verbrauchs verantwortlich und zu 84 Prozent in privater Hand. Hier müssen wir ansetzen, denn der Gebäudebestand von 2050 ist das, was wir heute bauen! Dieses Bewusstsein muss geschaffen werden.“ In dieselbe Richtung argumentierte Colgen: „Es gibt gerade im ländlichen Bereich noch sehr viele Informationsdefizite und große Verunsicherung. Schön wäre, wenn die Maßnahmen im Klimabereich transparenter dargestellt werden.“

Kloth nahm Bezug auf die Anreize. „Projektentwickler brauchen schon heute politische Rahmenbedingungen: Kommt demnächst zum Beispiel eine CO2-Steuer?“ Derzeit seien die Anreize gering; alle seien bereits zufrieden, wenn sie die ENEV einhielten. „Das führt unter anderem dazu, dass nichts mehr geplant wird, wenn Geothermie zum Einsatz kommt. Wenn Fernwärme ins Haus geführt wird, sind – Stand heute – alle schon mit der Energiearbeit fertig.“ Es müsse wieder schick werden, Energielabels für Häuser zu vergeben. Das Nachhaltigkeitsgewissen der Menschen unterstütze solche Ansätze.

Ohne Anreize und Verbote geht es nicht

Ewert sprach sich für harte staatliche Maßnahmen aus: „Ein sehr hoher CO₂-Preis ist wichtig, denn er schafft Veränderungen! Natürlich würgt er Entwicklungen ab, schafft aber auf der anderen Seite viel Neues. Die jungen Leute wissen, dass unsere Ressourcen immer schneller ausgehen – und mittlerweile auch die Investoren.“ Daher sollten Kredite für Investitionsprojekte CO₂-basiert vergeben werden.

Appelle an Verbraucher lösen für die meisten Diskussionsteilnehmer nicht das Problem. „Der Mensch ist so gestrickt, dass er die Ideen gut findet, aber keine Ausgaben dafür tätigen will“, so Kloth. „Mit konkreten Verboten dagegen können wir die Klimaziele sogar früher als 2050 erreichen, sofern bessere Technologien bereits zur Verfügung stehen. Auch Abschreibungsmodelle sind seitens der Bundesregierung nicht geschaffen worden, da hat die Automobilindustrie viel mehr erreicht als die Gebäudewirtschaft.“ Killmann pflichtete ihm bei: „Der freie Markt regelt Dinge, aber längst nicht schnell genug. Und wir können auch in einer Demokratie nicht ewig diskutieren, es müssen Maßnahmen beschlossen werden – mit Anreizen und Strafen.“ Lambertz sprach sich dafür aus, notfalls auch bestimmte Energieträger zu verbieten. Ewert verwies auf das Beispiel Handel: „Hier ist etwas in Bewegung. Die Gebäudebetreiber verlegen sich immer mehr auf Wärmepumpen, die das Heizen und Kühlen unterstützen. Da hat sich viel entwickelt.“ Veraltete Technik dagegen könne durchaus verboten werden – mit entsprechenden Übergangsfristen. Colgen ergänzte: „Trotzdem sollen private Hausbesitzer nicht nur Verbote fürchten, sondern gerne investieren. Das schaffen wir mit besseren Informationsangeboten.“

Lambertz betonte die Rolle der Energieversorgung. „Die Lösung liegt langfristig nicht am Gebäude. Wir brauchen erneuerbare Energien, die auf Quartiersebene erzeugt werden. Dämmung allein reicht nicht.“ Eine Absage erteilte sie der verbreiteten Meinung, man könne angesichts des steigenden globalen Energieverbrauchs keine durchschlagenden klimawirksamen Lösungen entwickeln: „Es ist falsch zu glauben, es bringe ja doch nichts, Modelle zu entwickeln: Andere Länder schauen ganz bewusst auf Deutschland und suchen Vorbilder.“ Eine Abwrackprämie für Gebäude wie in der Autoindustrie allerdings sei ein falscher Weg. „Dafür ist der Batzen an privatem Bestand zu groß.“ Ewert schlug vor, stattdessen Abwrackprämien für veraltete Heizungssysteme einzuführen.

Einig waren sich die Experten in ihrer Einschätzung, dass das Haus der Zukunft nicht mehr viel mehr brauche als einen Wasser- und einen Stromanschluss. Dafür sei auch eine bessere Netzplanung unverzichtbar. Denn, so das allgemeine Fazit: 2050 beginnt jetzt.

 

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