„Blockchain und Demokratie passen gut zusammen“

Das Thema im Fokus, eine gemeinsame Veranstaltungsreihe von VDI und VDE , diesmal in Kooperation mit der IHK Köln, behandelte zum Auftakt des Jahres das Thema Blockchain und war mit 120 Teilnehmern ausgebucht. Vier Referenten schlugen einen weiten Bogen: Peter Lenz, Leiter Business Development bei CONET, erklärte, warum kleine Programmzeilen mit Codes so sicher vor Manipulation sind. Prof. Dr. Jens Strüker, Leiter des  Instituts für Energiewirtschaft (INEWI) an der Hochschule Fresenius, beleuchtete den Nutzen angesichts nicht-vertrauenswürdiger Umgebungen und zeigte Potenziale und Probleme auf. Dirk Freda, Projektleiterbei GS1, berichtete vom größten deutschen Praxistest im Einzelhandel, der Milliarden Ausdrucke überflüssig machen könnte. RA Julius Oberste-Dommes von Werner Rechtsanwälte Informatiker erklärte Haftungs- und Vertragsrechtsfragen.

Der Fall von Byzanz ist nun schon ein halbes Jahrtausend her – und doch Namensgeber für ein Problem, mit dem sich die Welt der IT-Spezialisten heute intensiv befasst: das Generalsproblem. Die Stadt war gut befestigt und leicht zu verteidigen. Wer sie erobern wollte, musste von verschiedenen Seiten gleichzeitig angreifen – und sich über feindliches Gebiet hinweg zuverlässig verständigen. Wie man sichere Information in einer nicht vertrauenswürdigen Umgebung schafft, ist auch seit jeher das Problem des Internets: Es gelingt kaum, Eigentum zu sichern, auch nicht geistiges Eigentum. Die bisher einzige Anwendung, die auf Blockchain beruht, sind die Kryptowährungen – allen voran Bitcoin. Das erklärt auch den Hype, der jahrelang darum gemacht wurde: Das Generalsproblem ist hier erstmals gelöst worden. Neue Anwendungen stecken noch in den Anfängen, sind aber bereits vielversprechend:

  • Engpass-Management in Stromnetzen mit Verbrauchern und Einspeisern, die oft auch identisch sind, kann Sicherheit angesichts vieler Transaktionen schaffen. Erste Versuche laufen in Deutschland.
  • Der automatische Austausch von Waren und Geld wird möglich – ohne zwischengeschaltete Online-Händler. Über Bitcoin funktioniert bereits der Geldtransfer ohne Banken.
  • Sichere Messungen, etwa zur Luftqualität, können bereitgestellt werden.
  • Herkunftsnachweise, zum Beispiel für Diamanten, sind über Blockchain sicher und können nicht gefälscht werden. Auch Container können sicher nachverfolgt und im Verlustfall identifiziert werden.
  • Selbst für Mikrozahlungen wird Blockchain verwendet: In Flüchtlingslagern können Menschen per Iris-Scan einkaufen und die Einkäufe bargeldlos mit dem UN-Flüchtlingshilfswerk verrechnen.

Nach Aussage von Prof. Dr. Jens Strüker gibt es noch nicht die „Killerapplikation“ für Blockchain. Die Tatsache, dass international agierende Unternehmen und auch die Banken – die ursprünglich umgangen werden sollten – in das Thema einsteigen, mache ihn aber zuversichtlich, dass sie bald gefunden werde.

 

Nach Aussage von Prof. Dr. Jens Strüker gibt es noch nicht die „Killerapplikation“ für Blockchain. Die Tatsache, dass international agierende Unternehmen und auch die Banken – die ursprünglich umgangen werden sollten – in das Thema einsteigen, mache ihn aber zuversichtlich, dass sie bald gefunden werde.

 

Was ist überhaupt Blockchain? Peter Lenz zeigte originale Programmiercodes, die aus gerade einmal fünf Programmierzeilen bestehen. „Es gibt für jedes Ereignis einen Block, der letztlich nur aus einer Information und einem Zeitstempel beruht. Das Ganze wird in einem Hash mathematisch verschlüsselt und die Blocks miteinander verkettet. Der Schlüssel ist extrem sicher und ersetzt daher das Vertrauen in Menschen.“ Weil das Programm sehr klein sei, passe es auf jedes Gerät und durch die Verteilung der Information an viele Nutzer könne eine codierte Information nicht mehr gefälscht werden. „Der Abgleich zwischen dem einzelnen Gerät und den anderen entlarvt jede abweichende Information als Fälschung“, so Lenz. „Weil ein Konsens über die Wahrheit am Anfang steht und die Daten unveränderlich, dezentral, transparent und rückverfolgbar sind, leistet die Blockchain jeder Manipulation Vorschub. Das macht sie, richtig angewandt, demokratisch und verbraucherfreundlich.“

Strüker würdigte das Thema auch kritisch: So sei die Verschlüsselung bislang sehr energieintensiv, weil sie Rechenleistung erfordere, dazu langsam und kaum skalierbar. Dafür stecke ein großes Potenzial in der Technologie: „Es gibt keine Einstiegskosten, weil die Codes frei erhältlich sind. Niemand braucht Lizenzen zu zahlen, um private Blockchains zu generieren, die unternehmensintern verwendet werden und dann tatsächlich unendlich skalierbar sind. Die Dezentralität bietet außerdem den Vorteil, dass die Online-Wirtschaft unabhängig von Plattformen wie Facebook, Amazon oder Alibaba werden kann, denn diese schränken massiv die Vielfalt im Netz ein.“ Anwendungen wie filecoin vermieteten zudem schon weltweit dezentral Speicherplatz auf Endgeräten. „Das System macht dies sicherer als jede Cloud“, so Strüker.

Lenz stellte eine konkrete Anwendung im Fuhrparkmanagement von CONET vor, die die Verwendung von Firmenwagen lückenlos dokumentiert und im Schadensfall zuverlässig zurückverfolgt. „Wenn nun jemand im Nachhinein versucht seine Fahrzeiten zu verändern, ändert sich der Code und so führt der Abgleich mit den Daten auf den dezentralen Geräten direkt zur Manipulationsquelle.“

Dirk Freda stellte ein Projekt vor, in dem Handelsunternehmen auch im Kontext der Kooperation Blockchain-Anwendungen realisiert haben. „Wir mussten die Teilnehmer auf den Konsens schulen, der abgesprochen war, um unkorrekte Eingaben zu vermeiden. Hier ging es konkret um den offenen Palettentausch, der bislang mit Papierscheinen abgewickelt wird.“ Allein das Potenzial, Papier einzusparen, sei enorm: „In Europa gibt es 500 Millionen Paletten, was pro Jahr 2,5 Milliarden Bewegungen erzeugt. Ein digitalisierter Palettenschein kann also diese Anzahl Scheine – mit je drei Durchschlägen – einsparen. Das ist ein Stapel von 190 Kilometer Höhe!“ Dabei sei nicht die einzelne Palette registriert worden, sondern die Vorgänge. „Wichtig war daher eine Konsensfindung, bei der die beteiligten Unternehmen interne Informationen preisgeben. Dafür war ein gewisses Maß an Vertrauen nötig, denn es gab keine Hierarchien. Alle Teilnehmer waren gleichberechtigt.“

Das Teilen von Daten und Infrastruktur könne eine neue Form des Wirtschaftens möglich machen. „Es setzt ein Umdenken ein“, so Freda, „auch große Konzerne, die sich tendenziell gerne informationstechnisch abschotten, haben mitgemacht. Der wichtigste Punkt ist, dass sich die Beteiligten auf die gemeinsame ‚Wahrheit‘ einigen, Regeln schaffen und diese digitalisieren. Bei der Übergabe müssen die Personen im Grunde nur die Ware korrekt erfassen. Sobald diese Voraussetzungen erfüllt sind, schnurrt es. Das hat das Projekt eindrucksvoll gezeigt.“ Technik sei bei dieser Anwendung also nicht das Hindernis, schloss Freda den Bericht. „Probieren Sie es aus!“

 

Rechtsanwalt Julius Oberste-Dommes wies auf den rechtlichen Rahmen hin, der, wie oft bei neuen Technologien, nicht immer die Realität so abbilde, dass alle Beteiligten von vorneherein auf sicherem Terrain agierten. „Achten Sie darauf, Vereinbarungen zu treffen, die einem Streit standhalten“, appellierte er an die Teilnehmer. „Denn wenn Sie auf das Gesetz zurückfallen, dann kann es teuer werden.“ Das Vertragsrecht gewähre weitgehende Autonomie, die es zu nutzen gelte. Denkbar seien etwa vordefinierte Formen der Streitbeilegung. Die lückenlose Dokumentation widerspreche außerdem dem Rechtskonstrukt der Nichtigkeit: „Wenn Daten nicht mehr zu löschen sind, muss sich die Rechtsprechung anderweitig behelfen. Sie brauchen also gemeinsame Regeln bezüglich des Willensaktes.“ Dies sei auch aus Datenschutzgründen eine Überlegung wert, denn wenn eine Historie nicht gelöscht werden könne, betreffe das die Rechte von Geschädigten. Dagegen sei die ununterbrochene Nachweiskette für die Verletzung etwa von Urheberrechten ein hilfreiches Mittel. Weitere Gefahren sieht Oberste-Dommes in einer Privatisierung von offenen Zugangscodes. „Wenn Sie sich aus einer offenen Quelle bedienen, muss auch das Ergebnis offen bleiben.“ In Haftungsfragen ändere sich dagegen wenig. Offen sei, inwieweit etwa die Blockchain sicheres Beweismittel vor Gericht sei. „Ansonsten gilt: Jeder haftet für seine Handlungen“, so Oberste-Dommes.

Insgesamt, so die Referenten bei der abschließenden Diskussion, sei bei Blockchain entscheidend, dass die Akteure sich detailliert und verbindlich absprächen. Datenquellen müssten verlässlich sein, dokumentiert und zertifiziert werden; das Vier-Augen-Prinzip bei der Aufnahme von Regeln und Daten sei wichtig, um die anschließende Unanfechtbarkeit der Daten zu gewährleisten. „Auch wenn es keine Löschungen gibt, sind Korrekturen möglich“, so Strüker, „wobei auch die Korrektur der Abstimmung der Beteiligten bedarf.“

Die Zuversicht, Manipulationen und Unwahrheiten einzudämmen, betonten auch die Gastgeber: Elisabeth Slapio, Geschäftsführerin der IHK Köln, ging auf die spezielle Art von Demokraten ein, sich kognitiv mit Dingen zu befassen: „Es gibt ein demokratisches Meinungsbild, das von Menschen gemacht wird, die sich frei entscheiden können.“ Weil auch die Wirtschaft grundsätzlich demokratisch verfasst sei, helfe die Technologie, ein solches Meinungsbild gegen Manipulationen zu behaupten. „Blockchain und Demokratie passen gut zusammen“, so Slapio. Frank Winheller, Vorsitzender des VDE-Bezirks Köln, begrüßte den weiter gefassten Ansatz, der vom Bitcoin-Hype bislang verdeckt worden sei. Horst Behr, Vorsitzender des VDI-Bezirksvereins Köln, betonte die Wichtigkeit von wissenschaftsbasierten Fakten: „Wer die öffentlichen Diskussionen in den letzten Jahren beobachtet hat, der staunt immer wieder, wie haltlos oft argumentiert wird. Wie sehr die Gefühle und Ängste, die markigen Parolen und sogar die Verbreitung von Unwahrheiten das Nachdenken ersetzt zu haben scheinen. Wir Ingenieure wollen Probleme lösen, statt uns an ihnen zu berauschen.“

 

Die Zuversicht, Manipulationen und Unwahrheiten einzudämmen, betonten auch die Gastgeber: Elisabeth Slapio, Geschäftsführerin der IHK Köln, ging auf die spezielle Art von Demokraten ein, sich kognitiv mit Dingen zu befassen: „Es gibt ein demokratisches Meinungsbild, das von Menschen gemacht wird, die sich frei entscheiden können.“ Weil auch die Wirtschaft grundsätzlich demokratisch verfasst sei, helfe die Technologie, ein solches Meinungsbild gegen Manipulationen zu behaupten. „Blockchain und Demokratie passen gut zusammen“, so Slapio. Frank Winheller, Vorsitzender des VDE-Bezirks Köln, begrüßte den weiter gefassten Ansatz, der vom Bitcoin-Hype bislang verdeckt worden sei. Horst Behr, Vorsitzender des VDI-Bezirksvereins Köln, betonte die Wichtigkeit von wissenschaftsbasierten Fakten: „Wer die öffentlichen Diskussionen in den letzten Jahren beobachtet hat, der staunt immer wieder, wie haltlos oft argumentiert wird. Wie sehr die Gefühle und Ängste, die markigen Parolen und sogar die Verbreitung von Unwahrheiten das Nachdenken ersetzt zu haben scheinen. Wir Ingenieure wollen Probleme lösen, statt uns an ihnen zu berauschen.“

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